Rabenmutter-Alarm
Wann ist ein Kind krank genug für den Arzt?

Rabenmutter-Alarm

Als ich nicht erkannte, dass mein Kind sehr krank ist.

Mein Kind ist krank, also so richtig. Das hat mir meine Kinderärztin gerade gesagt. Und ich habe es vorher überhaupt nicht erkannt, also so wirklich gar nicht. Allerdings habe ich die Praxis nach der Untersuchung mit einem Antibiotika-Rezept für 14 Tage verlassen. Und mit der Frage: Bin ich eine Rabenmutter? Hätte ich es erkennen können?

Aber von vorne.

Wir schreiben die vergangene Woche, es ist acht Tage her, und ich möchte den fast Dreijährigen wie immer um 14 Uhr in der Krippe abholen. Die Erzieherinnen erzählen mir, dass er schlapp ist und ohne Ankündigung Pipi in die Hose gemacht hat. Das passiert sonst nie, weil er schon 10 Monate trocken ist und sehr zuverlässig aufs Klo geht. Glasige Augen hat er auch. Ja, er wirkt auf mich auch nicht fit.

Also lassen wir es nachmittags gemütlich angehen und er kuschelt auch mehr als sonst. Fieber hat er keins. Dienstags werde ich ihn zuhause lassen, damit er sich erholen kann, weil er wirklich schlapp wirkt.

Der Tag danach

Es ist nun also Dienstag. Der Zweijährige ist zuhause. Er ist allerdings topfit und jammert die ganze Zeit, weil er nicht auf den Spielplatz darf. Er langweilt sich, verwüstet das Wohnzimmer, hüpft und tanzt. Er isst normal und wirkt auch sonst wie ein gesundes Kind.

Die restliche Woche verläuft unspektakulär. Nun gut. Er ist oft schlecht gelaunt und jammert ab und an über Bauchschmerzen. Da sie in der Krippe gerade jeden Tag die Raupe Nimmersatt lesen und er normal isst und auf die Toilette kann, mache ich mir keine Gedanken. Eigentlich ist es also eine Woche wie immer, in der ein Zweijähriger sich über das falsche Müsli aufregt, manchmal verkuschelt auf mir liegt und ein anderes Mal trotzig vor mir wegrennt.

So ziehen die Tage ins Land.

Die Woche danach

Es ist mittlerweile sieben Tage später. Der nächste Montag – oder um genau zu sein ist es 1 Uhr früh am Dienstag. Der Zweijährige schreit und weint, weil sein Popo weh tut und er möchte auf die Toilette. Es kommt nichts und ich kann auch nicht erkennen, woran die Schmerzen liegen könnten. Der Popo ist nur ganz leicht gerötet. Nichts Dramatisches. Nach einer Schreiphase schläft er aber offenbar schmerzfrei ein und morgens verkündet er von sich aus, ohne dass ich gefragt habe: „Aua Popo weg. Gut.“ Die Laune ist nicht bombastisch, aber in Ordnung. Nichts, was ich hinterfragen würde.

Er frühstückt wie immer, ärgert seine Brüder wie immer und küsst mich so stürmisch wie immer. Es ist für mich alles gut. Oder?

Nach dem Kindergarten jammert er noch einmal über seinen Popo. „Aua Popo da.“ Ich mache ihn gründlich sauber, die Haut ist gerötet und deshalb trage ich Wundsalbe auf. Gedanken mache ich mir nicht wirklich.

Ich habe sicherlich schon hundert wunde Popos versorgt und die habe ich mit Heilsalbe bisher immer wegbekommen. Es sieht auch nicht dramatisch aus.

Danach spielt und isst er. Er wirkt etwas müde, aber wir waren ja auch gemeinsam länger wach die Nacht zuvor. Er sieht eigentlich nur aus, wie ich mich fühle. Ganz ganz müde.

Ich hole mir den vierten Kaffee an diesem Tag.

Abends um 17 Uhr habe ich mit seinem älteren Bruder einen Kontrolltermin beim Arzt. Um 16 Uhr sagt mir meine innere Stimme, ich solle in der Praxis anrufen und den Kleinen durchhecken lassen. Ich höre ohne groß nachzudenken auf sie, rufe in der Praxis an und vereinbare, dass der Knopf auch untersucht wird.

Kopfschüttelnd denke ich nach dem Telefonat noch: Was soll ich der Ärztin eigentlich erzählen? Er hat doch irgendwie nichts „Richtiges“.

Unser Arztbesuch endete anders als gedacht

Um 17:00 Uhr schildere ich nun also wie eine überbesorgte Helikoptermama Symptome, die für mich eigentlich keine sind: Er ist ein bisschen müder als sonst, ein bisschen schlecht gelaunter. Kein Fieber, er isst gut, schläft normal. Ich schildere die Schmerzen am Popo und dass er ab und zu über Bauchschmerzen klagt, die wohl eher auf die Raupe Nimmersatt zurückzuführen sind (nur durch sie hat er dieses Wort überhaupt erst gelernt zwei Wochen zuvor!).

Die Ärztin ist nett und untersucht ihn gründlich. Erklärt mir, dass es Würmer sein könnten und wir einen Abstrich machen müssen. Aber dass sie vorher noch einen Streptokokken-Schnelltest macht, man weiß ja nie – und BÄMM, genau der schlägt direkt an.

Tja. Da sitze ich nun also mit einem Kind, das in der einen Sekunde doch gesund war und in der nächsten eine Streptokokkeninfektion hat. 14 Tage braucht er Antibiotikum. Zweimal täglich.

Dieses Kind ist wirklich krank. Ich breche in der Praxis in Tränen aus und fühle mich so unglaublich schlecht, dass ich es nicht erkannt habe. Fünf Minuten vorher habe ich mich noch als überfürsorgliche Helikoptermama gefühlt und plötzlich komme ich mir vor wie eine Rabenmutter.

Und bleibe mit der Frage zurück, ob ich es eher hätte erkennen sollen, dass der kleine Mann zum Arzt muss und Medikamente braucht.

De Ärztin beruhigt mich, dass so eine Infektion auch ohne Medikamente abklingen kann, aber gerade durch die Entzündung am Popo das Antibiotikum nun gebraucht wird. Die Streptokokken können sich auf der Haut festsetzen und genau das ist am Popo wohl passiert.

Hätte, hätte, Fahradkette

Was wäre wenn gewesen? Wenn ich nicht auf meine Stimme gehört hätte? Oder ich vielleicht in der Woche vorher zur Kontrolle in die Praxis gegangen wäre? Hätte man es da schon erkannt? Hatte er es da schon? War das etwas anderes? Habe ich richtig reagiert?

Muss ich das nächste Mal früher zum Arzt, mit einem Kind, das recht normal wirkt für mich?

Ich muss sagen, dass ich auf diese Fragen keine Antwort gefunden habe und es beim nächsten Mal wohl wieder so machen werde: Wenn meine innere Stimme uns zum Arzt schickt, gehen wir. Bis dahin werde ich auf meinen Instinkt vertrauen und dem Gedanken nicht allzu viel Raum geben, wie viel Rabenmutter tatsächlich in mir steckt.

Und jetzt mal unter uns: Wenn ich wegen jeden Bauchschmerzen oder anderen „Kinkerlitzchen“ zum Arzt gehe, bin ich mit drei kleinen Kindern fast jede Woche dort. Es ist einfach immer irgendetwas und ich denke eigentlich, wenn der Appetit und die Verdauung funktionieren, das Kind kein Fieber hat und durch den Garten saust, dann passt das doch eigentlich irgendwie….!?

Allerdings hat genau so ein „gesundes“ Kind hier gerade die Flasche mit Antibiotikum vor sich stehen. Es ist eine Krux.

Ich möchte eine gute Mutter sein. Keine überbesorgte, keine allzu entspannte. Und habe an diesem Tag mal wieder bemerkt, wie schwer es eigentlich ist, diese Mitte zu treffen.

Wie schnell geht ihr zum Arzt? Hättet ihr anders gehandelt?

Liebe Grüße an euch alle von

Miriam,

Mamablog Muttiversum

Kennt ihr eigentlich schon mein Buch „Manchmal braucht man Gummibärchen: Die besten Tipps aus meinem turbulenten, wunderschönen Leben mit 3 kleinen Kindern„? – Es hat schon über zwanzig Mal fünf Sterne bekommen bei Amazon.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Das kenne ich
    Baby, 8 Monate alt. Mittwoch, Donnerstag: Fieber.
    Freitag geht Mann mit Baby zum Arzt, Alles okay. Sollte Fieber weiter steigen: Krankenhaus; bleibt es: wieder kommen; geht es weg, alles gut.
    Das Wochenende über Fieber ohne Medikamente im Bereich 39.3 – 93,9, bei Medikamenteneinnahme Fieber weg…
    Sonntag Nachmittag eine Mitfahrgelegenheit für den Großen in den Kindergarten organisiert, um direkt zum Arzt zu können.
    Montag morgen. Fieber weg. Kind topfit

    Bisschen Husten noch, und da der Große ja extra abgeholt wurde, trotzdem zum Arzt. Im Wartezimmer lauten schlappe kranke Kinder. Mein Baby fröhlich krächzend mit allen flirtend dazwischen. Ich habe mich, genau wie du, wie eine hysterische Helikoptermutti gefühlt…
    Etwas kleinlaut dem Arzt, Sorry, dass ich mit einem gesunden Kind die Zeit stehle, vom Wochenende erzählt…. Der Arzt freundlich wie immer, horttdas Baby ab und wird mit einem Schlag furchtbar ernst!
    Ergebnis: Lungenentzündung!!!

    Also, das fand ich auch total krass. Alle Symptome weg und dann trotzdem sowas. (ist zum Glück nach 10 Tagen Antibiotikum ohne Krankenhausaufenthalt wieder weg gewesen)

    Liebe Grüße, Sara

  2. Das mit der inneren Stimme ist glaube ich ganz gut. Das Kind hätte ja die Streptokokken auch ohne ATB besiegen können, der Körper hat gekämpft und viele Kinderärzte würden die Mama sowieso,so lange keine anderen Symptome da sind, (zurecht) ohne ATB nach Hause schicken. Wenn aber wie in diesem Fall dann noch was dazu kommt, braucht man eben doch das Antibiotikum und dann ist es auch gut so und es ist gut dass du als Mama dieses Feingefühl hattest und darauf gehört hast.
    Klar fragt man sich hätte man eher gehen sollen, aber ob es irgendetwas geändert hätte ist fraglich, schließlich gab es da noch keine anderen Symptome dazu. Ein anderes mal wird er es dann vielleicht doch ohne Antibiotikum schaffen.

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